Was tun, wenn im Notfall der Rettungswagen auf sich warten lässt? Die Neurieder müssen sich darüber nicht mehr so große Sorgen machen. Das Pilotprojekt "Helfer vor Ort", eine Zusammenarbeit von 14 Neurieder Rot-Kreuzlern und Feuerwehrleuten, überbrückt seit 1. September 2016 überlebenswichtige Minuten bis zum Eintreffen des Rettungswagens. Mit dem Initiator Jürgen Mohrbacher hat Ulrike Derndinger gesprochen. BZ: Sind die Rettungsdienste so langsam, dass Sie um das Leben der Neurieder fürchten? Mohrbacher: Nein, aber die drei Rettungswachen liegen alle 15 Kilometer entfernt. Wir wollten die Helfer-vor-Ort-Gruppe schon seit 20 Jahren machen. Das hat nicht geklappt. Vor einiger Zeit ist aber die Rettungswache in Offenburg umgezogen und nun ist Neuried noch weiter weg. Auch von den Wachen in Kehl und Lahr ist die Gemeinde weit entfernt. Die Neurieder Feuerwehrleute stellten fest, dass sie bei Einsätze meistens viel schneller vor Ort waren. BZ: Also haben Sie als Vertreter des Roten Kreuzes und die Feuerwehr nun doch die "Helfer vor Ort" gegründet. Mohrbacher: Ja. Es geht darum, erweiterte lebensrettende Sofortmaßnahmen schnellmöglich zu bieten, bis der Rettungsdienst kommt. Wir wollen damit die Zeit verkürzen, in der keine Therapie stattfindet. Bei Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt sind wenige Minuten entscheidend, ob das Hirn weiter geschädigt wird. In der Regel sind wir in fünf Minuten vor Ort, der Rettungsdienst trifft im Durchschnitt zehn Minuten später ein. BZ: Was muss so ein Helfer können? Mohrbacher: In insgesamt 76 Stunden wird man zum Sanitäter und zum Helfer vor Ort ausgebildet. Man lernt Blutdruck und Blutzucker zu messen und wie ein Einsatz abläuft. Es werden auch psychologische Aspekte vermittelt. Ein großer Teil ist, die Patienten zu beruhigen. BZ: Wie viele Einsätze hatten Sie bereits? Mohrbacher: 14 Personen haben bis heute 145 Einsätze absolviert. Wir werden von der Leitstelle mitalarmiert. BZ: Das klingt nach viel in der kurzen Zeit. Mohrbacher: Wir haben Neuried in zwei Gruppen aufgeteilt. Jeder hat dort Einsätze, wo er bestenfalls wohnt. Die Altenheimer Gruppe, fünf Feuerwehrleute, betreut Altenheim und Müllen. Der Rest, sechs Rot-Kreuzler und drei Feuerwehrleute, stammt aus Dundenheim, Ichenheim und Schutterzell und versorgt diese Ortschaften. Per Handybotschaft tauschen sich die Gruppen aus, wer zu den Einsätzen fährt, damit nicht mehr als zwei Personen kommen. Wir sind gut eingespielt. Am Anfang waren wir mal bei einem Verkehrsunfall zu sechst. Jetzt pendelt es sich bei ein bis zwei Einsätzen pro Woche ein. Das ist machbar. BZ: Zu welchen Einsätzen sind Sie, neben Schlaganfall und Herzinfarkt, schon gerufen worden? Mohrbacher: Massive Bauchschmerzen, bewusstlose Personen, Knochenbrüche, und wir haben auch schon Leute ins Bett gebracht, wenn es die Angehörigen nicht mehr allein schafften und den Rettungsdienst alarmiert haben. Es beruhigt die Leute, wenn wir vor dem Rettungsdienst da sind und schon mal vorbereitend behandeln. BZ: Bei den Einsätzen tragen Sie einen Rucksack mit sich. Was ist da drin? Mohrbacher: Sauerstoff, Messgeräte und Verbandsmaterial. Die vier Rucksäcke, von denen einer 800 Euro kostet, wurden von der Gemeinde Neuried bezahlt. BZ: Sie sind gut eingespielt, suchen aber auch noch Neueinsteiger. Mohrbacher: Ja. Wir bräuchten mehr Helfer, die tagsüber verfügbar sind. Man kann es nur empfehlen: Die Einsätze sind interessant, man lernt viel. Und man muss, um mitzumachen, nicht zwangsläufig Mitglied bei der Feuerwehr oder im Roten Kreuz werden. Im April beginnt in Neuried eine neue Ausbildungsstaffel. Zur Person: Jürgen Mohrbacher (58) ist Vorsitzender des Roten Kreuzes in Neuried und koordiniert die Ausbildung zum Helfer vor Ort. Der Fachpfleger für Anästhesie und Intensivpflege unterrichtet als Gesundheitspädagoge an der Akademie der Uniklinik Freiburg Auszubildende in Pflegeberufen. Er lebt in Dundenheim. Kontakt: juergen.mohrbacher@drk-neuried.de
Helfer vor Ort
Bericht Badische Zeitung 8.2.2017
Die Helfer vor Ort (von links hinten): Patrick Dolch, Melina Ritzenthaler, Dieter Winkler, Marc Peppmüller, Manfred Hügli, (von links vorne): Uwe Bertsch, Michael Tscherter, Josefine Bläsi, Hansjürgen Vetter, Jürgen Mohrbacher, es fehlen Friedhelm Tscherter, Rita Kaiser, Alexandra Bläsi und Patrik Frick 
Bild: privat